FELIX IN ST. BLAUBACH / “ Anruf aus Hollywood“
- INTRO -
1.Akt
1. DORF-WEIHER AUSSEN / TAG
Morgendliche Postkarten-Idylle über St. Blaubach. Ländlicher Panoramablick, das Dorf weiter im Hintergrund. Vogelzwitschern, übertriebene Farben, kitschig-romantische Streicherklänge.
Im Vordergrund der Dorf-Weiher. Inmitten des Dorf-Weihers eine auf dem Rücken treibende tote Kuh mit steif in die Luft gestreckten Beinen.
(Einblendung auf Schwarz:
„Tag 27 – Horch, was kommt von draußen rein“
2. „WILDER EBER“ / GASTSTUBE INNEN / TAG
Gelangweilte Stimmung kurz nach der Öffnung. Melanie muffig und im Zeitlupentempo bei der Tischdekoration. Räuchlein beim Sortieren der Bar. Fatma und Svetlana wischen. Am Stammtisch sitzen HK Luckner (in Uniform), Metzger Blechschneider und Bauer Habicht bei Bier und Schnaps.
Ein deutlich als Tourist erkennbarer älterer Herr (Strandmütze, T-Shirt mit der Aufschrift „Ibiza-Feeling“, kurze Hose, Wollsocken und Sandalen, knallgelbe Plastik-Sonnenbrille) kommt völlig außer Atem in die Gaststube getorkelt.
Tourist:
(nach Luft schnappend, unterwürfig, sächsischer Akzent)
Aufseher Naumann - schickt mich, Herr Habicht. Soll – soll sagen, dass ich - die Melkmaschine repariert habe. Und soll - fragen, was ich jetzt machen soll...
Habicht:
(genervt mit dem Kopf schüttelnd)
So, jetzt hör mal zu, Mauerblümchen: Du gehst jetzt noch mal raus, drehst fünf Runden ums Haus und kommst wieder rein, wenn Du mir eine ordentliche Meldung mit Subjekt, Prädikat und Objekt machen kannst. - Ja, hop-hop!
(Der Tourist geht. Hinter dem Fenster kann man ihn dann draußen – in regelmäßigen Abständen - immer wieder vorbei hecheln sehen. Er wird dabei zusehends schwächer)
Blechschneider:
(unangemessen hysterisch schreiend, von den für ihn typischen Zensur-Tönen unterbrochen)
Du gibst dir viel zu viel (–PIEP-) Mühe mit den (–PIEP-) Kommunisten! Drüben beim Krustschow müssen diese (-PIEP-)die Etiketten für den Rotkäppchen-Sekt mit der eigenen Spucke aufkleben, wenn sie nicht parieren. Und hier lassen die (–PIEP-) sich als (–PIEP-) Touristen die Südfrüchte in den Hintern pusten! Soll ich Euch mal sagen, wie ich das nenne...?!
(Kollektiv synchrones, furchtsames Kopfschütteln)
(Luckners Handy klingelt)
Luckner:
Seid doch mal still. Die Wache.
Habicht:
(grübelnd)
Dieser Krustschow, ist der nicht inzwischen Boxer?
Luckner:
Was? – Im Weiher? - Ganz sicher tot? - Ich komme raus. Der Gerichts-Mediziner soll auch gleich kommen. -(Erregt) Was soll das heißen, „wir haben keinen Gerichtsmediziner“? Ein bisschen Phantasie, meine Herren! Nur weil meine Frau, diese wechseljahr-gebeutelte schrumplige Gewitterhexe, die Gelder für die Polizeiausstattung lieber diesen..., diesen Kindergärten in den gierigen Schlund stopft, heißt das nicht, dass ihr Euch da gemütlich an den Füßen spielen könnt! – Ja, ich bin gleich da! - Dann holt eben den verdammten Tierarzt!
Habicht:
(immer noch grübelnd)
Wie heißt denn noch der neue da drüben? Ist das nicht dieser, - dieser Heinrich Wehner? Oder Herbert. Herbert Wehner...?
Luckner:
(zu Habicht - tief durchatmend, kondolierend)
Klaus, ich – ich muss Dir was sagen. Es gab da einen schrecklichen Unfall. Einen – einen tödlichen – Unfall...
Habicht:
(ziemlich gelassen)
Meine Frau?
Luckner:
Nein, nein. Es ist – mein Gott, ich weiß nicht, wie ich es Dir... . Es – ist Wölkchen! Wölkchen, die Kuh. Dein – Wölkchen...
(Habicht ringt nach Luft und kämpft mit den Tränen. Der Hintergrund verzerrt sich und flieht zurück. Dramatische Musik drängt zum Höhepunkt)
Habicht:
(sich seinem Schmerz ergebend)
Nein – Das kann nicht...! Wölk... chen?! - Neinnn!!!
Blechschneider:
(gewohnt cholerisch)
Das waren die (–PIEP-) Ossis! Ja, reichen denn denen die Orangen nicht mehr?! Soll doch der..., der (–PIEP-) Herbert Wehner da drüben die Devisen lieber in die Viehzucht stecken, als in dieses (–PIEP-) Weltraumprogramm! Ich geh jetzt raus, und (–PIEP–) den (–PIEP–) in den (–PIEP-)!!
Luckner:
(mahnend, filmreif zusammengekniffene Augen)
Sachte, sachte! Wir werden den Fall in Ruhe und Ordnung – wenn auch mit aller gebotenen Härte des geltenden Rechts - aufklären. Klaus – wir finden die Schweine. Darauf gebe ich Dir mein Wort. Und ihr anderen – keine übereilten Aktionen, die unsere Ermittlungen behindern. Wir sind hier nicht in der Bronx.
Fatma:
(weiter auf ihren Wischmop schauend)
In der Bronx überleben dicke Polizisten mit Gastritis genau 2 Stunden.
Svetlana:
Und haben die Polizisten in der Bronx nicht eine Ausbildung? Oder schießen die auch harmlosen Rentnern in den Hintern, die bloß ihre Frau aus dem Auto in einen Rollstuhl hieven wollen?
(Beide lachen)
Luckner:
(wütend)
Das war eine versuchte Vergewaltigung! Jeder hat’s gesehen! Außerdem war er bewaffnet!
Melanie:
Mit einer Tube Körperlotion.
Blechschneider:
Richtig angewendet..., kann sowas böse Wunden verursachen! Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für Anekdoten. Ich bin draußen am Weiher, wenn mich wer sucht!
Fatma:
Ja gut, wir sagen dem Slim-Fast-Lieferanten Bescheid.
(Luckner straft sie mit einem Blick und stapft brummelnd aus dem Raum. Blechschneider und Habicht mit ihm. Blechschneider versucht im Gehen, den gestützten Habicht mit lauthalsen Rache-Versprechen zu trösten. Felix, ein paar Briefe in der Hand, betritt den Raum und schaut dem vorüber marschierenden „Trauerzug“ verwirrt nach)
Felix:
Was ist denn hier los? – Ach, Herr Räuchlein: Draußen liegt ein älterer Herr im Ibiza-T-Shirt und fasst sich ans Herz. Er sächselt furchtbar, aber soweit ich verstanden habe, verlangt er nach einem Arzt oder nach irgendwelchen Tabletten. Kümmern Sie sich doch bitte mal darum.
Fatma:
(sehr ernsthaft)
Herr Felix, Svetlanas und ich möchten...
Felix:
(enthusiastisch lächelnd)
Nein, sprechen Sie nicht weiter. Wir machen ein Spiel: Sie bewegen die Lippen und ich spreche für Sie.
(nimmt sich den Wischmop, ahmt Fatmas und Svetlanas Mienen, Haltung und Stimmen nach und spielt den folgenden Monolog in verschiedenen Rollen. Dabei stellt er sich jeweils neben die nachgeahmte Person. Zuerst als Fatma:)
„Herr Felix, Svetlana und ich möchten hiermit anzeigen, dass wir sowohl mit den Arbeitsbedingungen als auch mit den untertariflichen Löhnen nach § Sowieso des Sowieso-Gesetzes nicht mehr einverstanden sein können.“
(Dann als Svetlana:)“Jawoll! Drum werden wir auf der Stelle von irgendeinem anderen § des Sowieso-Gesetzes Gebrauch machen und die Arbeit niederlegen. Dann dürfen Sie in Zukunft selbst mürrisch meckernd durchs Haus schleichen und die Putzarbeiten, zu denen wir vor lauter Arbeitskampf ohnehin nicht kommen, selbst erledigen. Wie Sie es ja eh schon meistens tun müssen.“
(Dann spielt er sich selbst:)“Aber natürlich, meine Damen. Was darf’s denn diesmal sein? Wieder mal dieses marktführende Head-Set-System für die hausinterne Kommunikation, das selbst dem M.A.D. zu teuer war? Oder die Geschichte mit dem Farbfernseher für die Besenkammer? Am meisten begeistert hat mich bislang ja Ihre Forderung nach einer Putzhilfe - für Sie selbst“.
Svetlana:
(angewidert)
Das war doch ironisch, nicht? Herr Felix – Sie sind ein gewissenloser Mensch. (Künstlich dramatisch) Euer ausbeuterischer Wohlstand ist doch gebaut auf unserem verlorenen Blut und Schweiß...
Felix:
(unterbrechend)
Ja, ja. Blut und Schweiß müssen Sie dann aber vorher selbst mitgebracht haben. Durch Arbeit haben Sie’s hier jedenfalls ganz sicher nicht verloren. (zu den anderen) Also, was war denn da mit den drei „Stooges“ los?
(Fatma und Svetlana ziehen - fremdländische Flüche murmelnd – von dannen)
Melanie:
(hat inzwischen auf dem Stammtisch ein gewaltiges Schminkset aufgebaut, eine Trockenhaube auf dem Kopf und widmet sich ihrer Schönheitspflege)
Habichts „Wölkchen“ ist tot. Seine Preisgekrönte Pfingst-Kuh. Jetzt sind sie auf Verbrecher-Jagd.
Felix:
(schaut nebenbei die Post durch)
Ist das nicht die Kuh, für die der Habicht extra ein Klo gebaut hat? Und die angeblich nur noch zu Tschaykowskys „Schwanensee“ in der Karajan-Version einschlafen kann?
Melanie:
Genau die.
Felix:
Oh Gott, uns stehen düstere Zeiten bevor. Wo ist eigentlich unser „Edgar Allen Poe“ der bürgerlichen Küche? Hat jemand unseren Koch gesehen?
Räuchlein:
Der ist vermutlich wieder so betrunken, dass selbst WIR ihn nur noch verschwommen sehen können.
Melanie:
Er sah gestern Abend nicht sehr gut aus, nachdem er wieder mal versucht hat, sich mit dem Kopf im Forellen-Aquarium zu ertränken. Kurz vorher hat er sich noch mit meinem Nagellack-Entferner vergiften wollen. DAS nehme ich ihm wirklich übel. Schauen Sie sich doch mal meine Fußnägel an... (zieht sich die Schuhe aus)
Felix:
Äh, ja - ich komme vielleicht später darauf zurück. Wenn unser niederländisches Sorgenkind kommt, soll es sich mal bitte wegen der Mittagskarte bei mir melden. (Bei einem Brief stutzend) Aha? Was haben wir denn hier? Ein Brief aus Berlin. Von... meinem alten Kumpel Kaufinger. Den habe ich seit über acht Jahren nicht mehr gesehen. Er ist beim Film. War er damals zumindest. Produzent oder so was ähnliches. (öffnet den Brief) Was der wohl will, nach all den Jahren...?
(In diesem Moment wird Hukmaans in Kochmontur – völlig in Tränen aufgelöst – von zwei Waldarbeitern in die Stube geführt. Alle sind mit Ruß bedeckt und haben riesige Brandlöcher in ihrer Kleidung, die hier und da auch noch raucht)
Räuchlein:
Um Gottes Willen. Was ist denn nun schon wieder passiert?
1. Waldarbeiter:
(verärgert)
Dieser verrückte Holländer hat letzte Nacht versucht, sich in unserem Lager was anzutun. Mit einer unserer Motorsägen.
2. Waldarbeiter:
(sichtlich bemüht, den leidenden Hukmaans zu stützen)
Als er dann nach ein paar Stunden gemerkt hat, dass gar kein Benzin drin ist, wollte er welches nachfüllen. Und da er nicht sehen konnte, wieviel noch im Kanister ist, hat er ein Streichholz genommen. Na ja, und dann kam so dieses zu jenem...
1. Waldarbeiter:
Wir waren bis eben mit Löschen beschäftigt. Ohne die Jungs von den „Burping Skulls“ hätten wir’s wohl gar nicht geschafft. Die halbstarken Jammerlappen haben aber wahrscheinlich vor allem deshalb so eifrig mitgeholfen, weil ihr Versteck nur einen Funkenflug von unserem Lager entfernt liegt. (Kichert) Hat ihnen aber am Ende nicht wirklich viel genützt, die Mühe...
2. Waldarbeiter:
(lacht)
Das ist, glaube ich, jetzt schon das vierte Mal in einem Monat, dass ihr Geheimversteck in Schutt und Asche gelegt wurde. Weißt Du noch, wie der Senioren-Turnverein da letztens in ihrer Ecke eine seiner berüchtigten Nachtwanderungen gemacht hat? Da stand das Geheimversteck der „Burping Skulls“ wohl einfach im Weg. Mann, DAS war ein Feuerwerk!
(Beide Waldarbeiter haben rasch Tränen vor Lachen in den Augen)
Räuchlein:
(kopfschüttelnd)
Herr Hukmaans, Herr Hukmaans. Sie machen aber auch Geschichten. Was ist ihnen denn nur diesmal wieder aufs Gemüt geschlagen?
(Der völlig aufgelöste Hukmaans hält einen langen Monolog über sein Leid, von dem allerdings vor lauter Nuscheln, Dialekt und Lallen wieder kaum ein Wort zu verstehen ist. Alle Beteiligen nicken gespielt teilnahmsvoll und schauen sich während des Berichts immer wieder ratlos und achselzuckend gegenseitig an. Dann übernehmen ihn Melanie und Räuchlein, führen ihn an den Stammtisch und versuchen, zu trösten. Die Waldarbeiter bestellen Bier und Schnaps)
Felix:
(aufgeregt in seinen Brief vertieft)
Das ist ja verrückt! Mein alter Kumpel Kaufinger sucht für seinen neusten Film eine authentische, ländliche Idylle als Kulisse. Und da er von meinem „Schicksal“ hier (er schaut vorwurfsvoll in die Runde) gehört hat, fragt er, ob ich St. Blaubach für geeignet halte und ihm gegebenenfalls behilflich sein könne. Er will mich heute noch anrufen und mit mir die Einzelheiten abklären. Na, was halten Sie davon? St. Blaubach wird berühmt.
(im Folgenden wechselt das Bild von Nahaufnahme zu Nahaufnahme. Die Gedanken der einzelnen Anwesenden sind hallend aus dem OFF hörbar)
Melanie / OFF:
(verträumtes Gesicht und leuchtende Augen)
Babelsberg. Cannes. Hollywood. Calvin Klein. Versace. Lagerfeld. Reiche Säcke mit viel Geld hinten und wenig Hirn vorne in der Hose. Und an jedem Finger zehn knackige Kabelträger, mit denen ich meine Erträge der Besetzungscouch verjuble. (kichert)
Räuchlein / OFF:
(tückisches Grinsen)
Ja, im Filmgeschäft ist alles möglich, Herr Felix. Schwere Lampen können plötzlich herunterfallen. Man kann auf beschädigte Starkstromkabel treten. Oder missglückten pyrotechnischen Effekten zum Opfer fallen. Und dann gehört der „Wilde Eber“ MIR! MIIIR allein! (böses innerliches Gelächter)
Hukmaans / OFF:
(ausgiebiges Gejammer. Gewohntes Kauderwelsch. Kein Wort ist zu verstehen)
Felix / OFF:
(furchtsame Miene)
Um Gottes Willen, was tue ich da eigentlich? Ich sollte die armen, unschuldigen Filmleute warnen! Das sind doch alles noch so junge, ahnungslose, so ganz und gar wehrlose Kreative! Von St. Blaubach wird sich die Filmindustrie über Jahrzehnte nicht mehr erholen...
(Im Hintergrund versucht Hukmaans völlig unvermittelt, sich mit irgendeiner kosmetischen Flüssigkeit zu übergießen und anzuzünden. Die Waldarbeiter, Räuchlein und Melanie sind schwer bemüht, ihn daran zu hindern, wobei Melanie eher des Wertes ihrer kosmetischen Utensilien mahnt. Fatma und Svetlana kommen helfend hinzu. Großer Tumult entsteht. Schwenk auf den Bildschirm des großen Fernsehgerätes unter der Decke. Hier sehen wir Schmitzler, der vor Ort am Weiher über den Mordfall „Wölkchen“ berichtet)
2.Akt
3. DORF-WEIHER AUSSEN / TAG
In der Mitte des Weihers treibt noch immer die Kuh mit allen Vieren gen Himmel gestreckt. Am Ufer sperren zwei uniformierte Polizisten das Areal mit gestreiftem Signalband ab. Daneben steht Habicht, der von Blechschneider getröstet wird. Im Vordergrund steht Schmitzler mit „O.K.B“-Mikrofon und spricht in die Kamera.
Schmitzler:
(typischer TV-Reporter-Ton)
„Praestat verum dicere“, sagt der Lateiner. Wir wissen nicht, warum er das sagt, verehrte Zuschauer. Noch, was das überhaupt heißt. Was wir aber wissen ist, dass die Untat, die jüngst - hier bei uns im märchenhaften St. Blaubach - einen tiefen Schnitt in das jungfräuliche Fleisch unseres gesetzestreuen Alltags riss, Verhältnisse wie im alten Rom anzudrohen scheint.
(er geht zum sichtlich leidenden Habicht und fasst ihm jovial auf die Schulter)
„Wölkchen“ - für viele vielleicht nur der einfallslos kitschige Name eines primitiven Paarhufers...
Habicht:
(empört aufheulend)
WAS?!!
Schmitzler:
(verunsichert, sich verbal verheddernd)
Ja, ähm, für viele halt. Nicht für mich. Oh nein. Aber der ein oder andere findet vielleicht, ähm... . Verstehen Sie? Ja..., wie dem auch sei – ein Verbrechen. Eine Kuh. In der Blüte ihres wiederkäuenden Daseins. Dahingemetzelt, gnaden- und respektlos aus ihrem Lebensweg vom weltoffen naiven Musterkalb zum wohlschmeckenden Braten oder Spare Ribb herausgerissen...
Habicht:
(zusehends aufgelöster)
Was – redest du denn da?!!
Schmitzler:
(energisch flüsternd, hält das Mikrofon zu)
Ich versuche hier, Fernsehen zu machen, ja? Und der größte Teil des Programms finanziert sich nun einmal aus Werbeblöcken der Fleischerei-Industrie. Ich tanze hier auf dem Vulkan, verdammt. Ich könnte doch wohl durchaus ein bisschen modernes Medien-Verständnis erwarten, nicht? Investigativ gesehen, ist das da eine Kuh. Und die ist tot. Möglicherweise hat man sie grausam...
Habicht:
(bricht vollends zusammen)
WÖÖ-ÖÖLKCHE-EEN!!
Schmitzler:
(genervt)
Ach herrje. Ihr Laien habt auch wohl nicht das geringste Verständnis für die wirklich brauchbare Emotion, was? Diese Kamera da - ist der Chef. Der Nabel zum gerechtfertigten Bedürfnis einer so zufrieden anspruchslosen, televirtuellen Nation. Und ihr kommt daher und platzt mit eurer... mit eurer ignoranten Authentizität in die liebenswerte Scheinwirklichkeit einer so aufrichtig oberflächlichen Masse. Ignoranz! Reißt euch mal gefälligst...
Blechschneider:
(hysterisch)
Lässt Du (-PIEP-) wohl dieses (-PIEP-) arme Schwein in Ruhe, hm? Ihr ver-(-PIEP-) (-PIEP-) mit eurer (-PIEP-) solltet euch eure ganze (-PIEP-) Technik in den (-PIEP-) schieben und...
Schmitzler:
(aggressiv)
So? Aha? Wir sind also bloß (-PIEP-) für Euch, ja? Mit unserer (-PIEP-) Technik, hm? Ja, wo wären Sie denn ohne Leute wie uns, die Menschen von St. Blaubach? Ja, wo denn?! Ich kann Dir ja mal zeigen, was man mit ihr noch so alles anstellen kann, mit unserer (-PIEP-) Technik...!
(bedroht Blechschneider mit einem Kamera-Stativ)
1. Polizist:
(geht energisch dazwischen)
Hey, hey, hey! Was soll denn das hier werden, hm? Kommt, Leute - das ist ein Tatort, hier. Kein Bierzelt. Da schwimmt immer noch irgendeine tote Kuh, und...
Habicht:
Nicht IRGENDEINE Kuh...!
Schmitzler:
(mahnend zum 1. Polizisten)
Ich habe – nein, der BÜRGER hat einen Anspruch auf die ungehinderte Ausübung der Pressefreiheit!
1. Polizist:
Aber nicht auf dem Kopf eines Bürgers.
Schmitzler:
Wo steht das?! Warte DU bloß mal auf meine Abendshow; heute: „Polizeiwillkür in St. Blaubach – Pressefreiheit mit pilzigen Plattfüßen getreten“!
1. Polizist:
(wütend)
Meine Füße haben nichts, aber auch GAR NICHTS mit der Sache zu tun, klar?!! Na, dir erzähle ich ja wohl auch nichts mehr! Außerdem habe ich schon seit Monaten gefordert, dass dieses Fußpilz-verseuchte Freibad geschlossen wird! Frag doch mal einen gewissen hier Anwesenden, wer im Gemeinderat mit all seinen Saufkumpanen ständig dagegen gestimmt hat!
Habicht:
(plötzlich gefasster)
Saufkumpane?! Wie nennst Du meine Freunde?! Saufkumpane?!! Schon klar: „Stimmt gegen die Füße der Obrigkeit, und ihr stimmt gegen den eiskalten, offenen, pilzigen Faschismus“. Außerdem bist du ein ganz herzloser, unsensibler Arsch! Schau da (zeigt auf die tote Kuh im Weiher), da schwimmt meine Kuh! Und Du kommst mir mit deinen Füßen!
1. Polizist:
Also jetzt schlägt’s ja hier wohl wirklich gleich dreizehn!! Ich hab’ doch mit den blöden Füßen überhaupt nicht angefangen. Das war doch dieser quasselnde Pseudo-Scholl-Latour da!
Schmitzler:
Aha! Jetzt ist es also mal raus! „Was wir nicht verstehen, ziehen wir in den Dreck der billigen Verunglimpfung“, was? Ohne deine alberne Uniform würde ich liebend gern mal Pressefreiheit auf DEINEM Kopf ausüben.
1. Polizist:
(zieht sich wutentbrannt die Uniform bis auf die Unterwäsche aus und baut sich provokant vor Schmitzler auf)
Also?! Dann üb’ sie doch mal aus, deine Pressefreiheit! Na komm doch her! Komm schon! Ich werde sie gern mit meinen „pilzigen Plattfüßen“ in deinen Hintern kommentieren, deine Pressefreiheit! Und danach sind gleich „Mr. Sodom“ und sein Betthäschen „Samson“ dran!
Blechschneider:
(außer sich)
So, jetzt hast Du’s geschafft!!! Du (-PIEP-) hast es jetzt wirklich geschafft, dass ich meine (-PIEP-) (-PIEP-) (-PIEP-) Sanftmütigkeit verliere! Ich werd’ Dir Deinen (-PIEP-) so tief in den (-PIEP-) Hals schieben, dass Dir kein (-PIEP-) Hemd mehr passt!!
(Man macht sich allgemein gefechtsbereit)
1. Polizist:
Ja klar! Alle auf einen halbnackten, unbewaffneten Mann! Das hat man also davon, wenn man euch feigen Großmäulern mal eine faire Diskussion anbietet!!
(Die Übrigen schauen sich kurz gegenseitig an und beginnen sogleich, sich ebenfalls bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Dann beginnt ein heilloses Gerangel, während im Vordergrund die tote Kuh weiter friedlich über den Weiher treibt.
Kurzer Schnitt auf die Dorfstraße, wo eine kleine Menschenmenge vor dem Elektrogeschäft die Prügelei – mit einigen Bildstörungen – in den aufgestellten Fernsehgeräten des Schaufensters verfolgen kann. Die Menge jubelt und feuert die Akteure an.
Zurück zum Weiher: Zur erkennbaren „Miami-Vice“-Musikthema im OFF kommt hier ein pinkfarbener 80er Jahre Sportwagen auf den Weiher zugefahren. Ihm entsteigt HK Luckner, der nun den typischen „Sunny Crocket“-Look – weißer Leinenanzug und rosa T-Shirt – nebst entsprechender toupierter Frisur trägt. Sein Gesicht ist ziemlich schlampig mit Selbstbräuner beschmiert. Er macht das Autoradio aus und die OFF-Musik verstummt abrupt.
Luckner geht auf den einzigen noch angezogenen, den 2. Polizisten zu, der auf der Wiese sitzend und mit einem Weizenhalm im Mund gelangweilt das Handgemenge der Halbnackten am Weiher verfolgt. HK Luckner geht auf ihn zu)
HK Luckner:
(im lockeren Miami-Vice-Tonfall, Kaugummi kauend)
Na, Honey? Alles easy, soweit?
2. Polizist:
(träge)
Oh, Chef! Sie sind’s. Im ersten Moment hab’ ich Sie gar nicht... . Äh, ja. Ja, ja. Alles im Griff. Wir haben hier alles abgesperrt und bis zum Eintreffen des Tierarztes unberührt gelassen.
HK Luckner:
Cool, cool. -Ja, ja. Alles cool, also. Fein. - Na, dann lassen wir doch mal Brain und Bleistift hüpfen, was, Baby? Woll’n doch mal sehen, ob wir den Bad-Guys nicht die Uzzi aus dem Blazer jucken können, was?
2. Polizist:
(sichtlich verwirrt)
Wie…? Äh, ja... klar. Logisch. Brain jucken und, und, ...und Uzzi.... Wird gemacht, Chef. Woll’n wir doch mal sehen... . Schickes Auto, übrigens, Chef.
HK Luckner:
Klar. Danke. Was ist eigentlich mit denen da los? Und warum sind die alle halbnackt?
2. Polizist:
(gelangweilt)
Ja, Chef, das... weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Hat sich irgendwie so ergeben. Ist aber bestimmt gleich schon wieder vorbei. Ist eh Brotzeit in ein paar Minuten.
HK Luckner:
(verschluckt sich am Kaugummi, hustet und röchelt ausgiebig)
…(hustet) Cool…, cool (hustet wieder). Alles – cool...
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